Kolibriherz – Zwischen Versprechen und Vergeltung von Christel Netuschil
Jetzt erhältlich
Historischer Roman über eine starke Frau im
19. Jahrhundert zwischen Vergebung und Rache

Kolibriherz

Zwischen Versprechen und Vergeltung

Ein bewegendes historisches Familiendrama um Loyalität, Schuld und die Frage, wie weit ein Mensch geht, wenn ihm alles genommen wurde.

Als Taschenbuch & eBook Erhältlich bei Thalia
Über das Buch

Kolibriherz - Zwischen Versprechen und Vergeltung

Ein historischer Roman im 19. Jahrhundert, der von Dänemark bis Englang zu Zeiten der industriellen Revolution führt und die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die zwischen Vergebung und Rache ihre eigene Stimme findet.

Dänemark im Winter 1864, kurz vor Ausbruch des deutsch-dänischen Krieges: Die junge Katrine und ihr Bruder Torben werden den schützenden Armen ihrer Eltern entrissen und ihrer Heimat beraubt. Zusammen mit der Dienstmagd Heide fliehen sie nach England.

Der Versuch, sich dort gemeinsam ein Leben aufzubauen, scheitert an den widrigen Umständen, die die industrielle Revolution mit sich bringt und gipfelt in einer Katastrophe. Torben wird beim Diebstahl von Lebensmitteln ergriffen. Der zuständige Friedensrichter verhindert eine faire Verhandlung, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Sieben Jahre später, Katrine ist längst weitergezogen und hat ihren Platz im Leben gefunden, werden die Geister der Vergangenheit geweckt und die junge Frau steht vor einer Entscheidung, die ihre Zukunft maßgeblich verändern wird.

Eine starke weibliche
Hauptfigur im Mittelpunkt
Historischer Roman im
viktorianischen England
Eine bewegende Geschichte über
Verlust, Loyalität und Vergeltung
Schuld, Verantwortungen und
persönliche Entscheidungen
Kolibriherz Buchcover
Historischer Roman im 19. Jahrhundert
· Familiendrama · ca. 350 Seiten
„ Und trennt uns das Schicksal dennoch, so lebt der eine im Herzen des anderen fort. Für immer."
— Aus „Kolibriherz"
Leseprobe

Tauche ein in die Geschichte

Ein Auszug aus dem ersten Kapitel – lass dich hineinziehen in die Welt von Kolibriherz.

Kapitel 1
Marienforstwälder, Dänemark, im Winter 1864

Als ich die Äste der jungen Buchen beiseiteschiebe und auf den Vorplatz meines Elternhauses trete, fällt mir auf, dass die schwere Holzpforte offensteht. In der wärmeren Jahreszeit würde dies nichts Ungewöhnliches bedeuten, denn Mutter und Vater sind als freundliche Leute bekannt, die von Verschlossenheit – im tatsächlichen und übertragenen Sinne – nicht viel halten. Doch wir schreiben Ende Januar, der Wind sorgt für eine andauernde Gänsehaut, und bis vor einigen Minuten hat es heftig geschneit.
Es ist still. Nicht so, wie man es kennt, wenn die Schneedecke jegliche Geräusche verschluckt.
Vielmehr gespenstisch.
Mein Herz stolpert für einige Schläge. Mein Atem kondensiert stoßweise an der kalten Luft. Hier stimmt etwas nicht. Selbst im Winter ist stets jemand auf dem Hof unterwegs und beschäftigt; irgendwo wird immer gehustet, geflucht, gesungen oder gelacht. Ich konzentriere mich. Keinen Laut möchte ich verpassen, nichts, das mich zurückbefördern könnte zur Unbekümmertheit eines dreizehnjährigen Mädchens, das von einem Ausflug zu den Futterstellen der Rehe heimkehrt und sich auf eine warme Mahlzeit im Kreise seiner Familie freut. Doch mir ist, als beträte ich eine Welt, in der nichts mehr so sein wird, wie ich es gekannt habe. Eine Welt, in der es zu existieren gilt. Nicht zu leben.
Ich versuche, die düsteren Gedanken abzuschütteln, der Verwirrung Einhalt zu gebieten, und bleibe mit einem Mal stehen. Ein dunkles Etwas vor dem Eingang zum Haus erregt meine Aufmerksamkeit. Ich recke den Kopf ein Stück aus dem dicken Schal, den ich mehrfach um den Hals geschlungen habe, und versuche, angestrengt zu erkennen, was sich dort hinten so auffallend vom schneebedeckten Boden absetzt.
Meine Augen weiten sich. Dann renne ich los.
Unsanft lasse ich mich neben Heides reglosem Körper nieder und drehe sie auf den Rücken.
Ich erschrecke beim Anblick des Blutes, welches aus einer Platzwunde oberhalb der Schläfe getropft ist und bereits einige Zentimeter Schnee eingefärbt hat. Frisches Blut scheint nicht mehr nachzukommen, was mich ein wenig beruhigt. Heide wird hoffentlich nicht allzu schwer verletzt sein.
Ich streife meine Handschuhe ab und lege die Finger an ihre kalten Wangen. Heides Augen zucken unter den Lidern, dann öffnen sie sich einen Spaltbreit. Es dauert einen Moment, bis ihre gehauchten Worte über die rissigen Lippen in meinem Verstand ankommen.
»Lauf«, flüstert sie, »lauf weg, Trine!« Sie dreht den Kopf in Richtung Eingangspforte, versucht schwerfällig, auf die Beine zu kommen.
Ich folge ihrem Blick und erkenne einen umge-stürzten Stuhl im Flur.
Heides Finger vergraben sich für einen Moment in meinem Mantel. »Geh nicht hinein!« Sie sackt erneut zu Boden und in eine Bewusstlosigkeit.
Ich nehme den Schal ab, wickle ihn zu einem unförmigen Kissen und schiebe ihn vorsichtig in Heides Nacken. Dann stehe ich auf, schlucke den Angstkloß in meinem Rachen herunter und betrete das Haus.
Es ist kalt in der Diele. In den Ecken des Spiegels sind bereits Eisblumen gewachsen, das Schwarz-Weiß der Bodenfliesen im Eingangsbereich ist nur noch zu erahnen. Immer wieder wehen Schneeflocken ins Innere, verweben sich zu einer Decke, als wollten sie eine dunkle Wahrheit verhüllen. Die Tür muss schon länger offen gestanden haben. Ich überlege, ob ich sie schließen soll, entscheide mich dagegen und luge die Treppe hinauf, während ich Halt am unteren Ende des Geländers suche. Langsam taste ich mich durch die Diele, lasse meine Hand am Putz der Wände entlanggleiten. Die vertraute Struktur, uneben und rau, vermag mir ein Gefühl von Normalität zu schenken. Ich wende mich nach links und gebe der Tür zur Vorratskammer einen leichten Schubs. Geräuschlos schwingt sie auf und gibt den Blick frei auf ein Regal voller Einmachgläser, darunter Säcke mit Kartoffeln, von denen einige zu keimen begonnen haben.
Alles ist wie immer. Kein Grund zur Unruhe.
Ich atme aus und nehme Kurs auf die Wohnstube, als ich ein Geräusch aus der danebenliegenden Küche vernehme. Es klingt wie das Rücken von Stühlen: vor und zurück, vor und zurück. Ich verharre einen Moment und lausche. Ein Hecheln gesellt sich zum Schleifen und Rücken. In meiner Fantasie setzt sich das Bild von einem wilden Tier zusammen, vielleicht ein Wolf oder ein Bär, der die Küche nach etwas Essbarem absucht. Ich balle meine Hände zu Fäusten. Was immer mich hinter der Küchentür erwarten wird, ich will vorbereitet sein.
Zittrig drücke ich die Klinke herunter, öffne und trete einen Schritt in das Zimmer. Der Anblick, der sich mir bietet, lässt mich augenblicklich zu Stein werden.
»Wen haben wir denn da?«, dringt eine fremde Stimme an mein Ohr.
Ich erkenne einen Soldaten, der sogleich seine Büchse auf mich richtet und sich mir nähert.
»Trine, lauf!«
Ich starre auf meine Mutter, die bäuchlings auf dem Küchentisch liegt, während ein zweiter Soldat mit heruntergelassener Hose zwischen ihren gespreizten Beinen steht und ihren Oberkörper gewaltsam herunterdrückt.
»Walter, schnapp dir die Kleine, die ist grad alt genug.« Der Mann grinst mich schäbig an.
Das Flehen meiner Mutter scheint ihren Peiniger in Ekstase zu versetzen. Der Tisch setzt sich heftig ruckelnd in Bewegung.
Endlich begreife ich und stolpere rückwärts aus der Küche, drehe mich auf dem Absatz um und flüchte auf die Haustür zu. Einen Wimpernschlag lang danke ich dem Geistesblitz von vorhin, sie nicht geschlossen zu haben, da werde ich von hinten gepackt und zu Boden gerissen. Der Aufprall ist hart, mir wird schwindelig, und das Blut in meinen Ohren rauscht lauter als ein ungestümer Wildbach. Ich versuche aufzustehen, mich an irgendetwas festzuhalten und bekomme den handgeknüpften Wandteppich neben dem Treppen-aufgang zu fassen. Gerade als ich die Finger um dessen fransige Umrandung schließen und mich hochziehen will, spüre ich den Stiefel des Soldaten zwischen meinen Schulterblättern.
»Soll ich dir mal was sagen?«, zischt er, nimmt den Fuß weg und reißt mich zu sich hoch. »Jagen macht mich an!«
Ich spüre keinen Boden mehr unter mir, zapple und trete nach allem, was sich mir in den Weg stellt. Der Soldat ächzt, lässt von mir ab und greift sich in den Schritt. Ich nutze meine Chance und spurte ins Freie. Gott sei Dank, Vater und Torben sind zurück und springen von der Kutsche.
»Was zum Henker ...?«, höre ich Vaters polternde Stimme und sehe, wie er sich über die noch immer am Boden liegende Heide beugt. »Trine, was ist hier los?«
Ich zeige zum Hauseingang und stütze mich dankbar auf die Schulter meines Bruders, der herbeigeeilt ist. »Da rüber!«, ruft Vater uns beiden zu und verschwindet im Haus. Torben hat seine Hand fest um meine geschlossen und zieht mich in die Stallungen am Waldrand. Dort lasse ich mich auf den strohbedeckten Boden fallen, während Torben die Tür verriegelt.
»Das wird sie nicht aufhalten!«, schluchze ich und vergrabe das Gesicht in den Händen. »Sie werden kommen!« Anderthalb Meter hinter uns schnauben Merve und Gretchen, blähen ihre Nüstern auf und entlassen Dampfwölkchen in die frostige Januarluft.
Torben setzt sich neben mich, legt den Arm um meine Schultern und drückt mich fest an sich. Der Kragen seines Mantels schmiegt sich an meine Schläfe. Wie eine Katze, die Streicheleinheiten einfordert, presse ich mein Gesicht gegen den Stoff. Ich weiß nicht, warum der Druck auf diese Stelle so eine beruhigende, fast einschläfernde Wirkung auf mich hat. Doch ich genieße es ein paar Sekunden lang, dass sich meine Augen schließen und mein Atem regelmäßig ein- und ausströmt.
»Geht es wieder?« Torbens Stimme dringt sanft in mein Bewusstsein, und ich gebe ein unwilliges Brummen von mir.
Kann er mich nicht einfach halten? Bis es vorbei ist?
»Was ist hier geschehen?«
Ich öffne die Augen einen Spaltbreit, blinzle durch einen See aus Tränen und schüttle den Kopf: »Soldaten ...«
Torben legt Daumen und Zeigefinger unter mein Kinn und drückt es liebevoll nach oben. Der Ausdruck in seinen Augen ist klar. Er weint nicht.
Wie schafft er das nur?
»Deserteure?«
Ich zucke mit den Schultern. Woher zum Teufel soll ich das wissen? Der Krieg um Schleswig, der laut Vaters Erzählungen bevorsteht, hat doch noch gar nicht richtig begonnen.
»Alles wird gut, hörst du?«
Fast bin ich bereit, Torbens Worten Glauben zu schenken, da ertönt lautes Gezeter vom Hof. Wir springen auf und spähen durch einen Spalt in der Holzwand. Ich möchte am liebsten schreien. Die Soldaten schleppen unsere halb nackte, sich kaum noch wehrende Mutter in Richtung Wald, dicht gefolgt von Vater, der seine Büchse auf die beiden Männer richtet.
»Ihr gottverdammten Hurensöhne!«, brüllt er ihnen hinterher.
»Gleich ist es vorbei!«, versichert Torben mit überzeugter Stimme und greift erneut meine Hand. »Gleich knallt er die beiden ab.«
Ich halte den Atem an. Ja, alles wird wieder in Ordnung kommen. Torben hat immer recht. Ich lächle und ... Ein Schuss fällt. Ich richte meinen Blick nach draußen, doch der Hof ist menschenleer. Torben sieht mich an und schluckt. Er verbirgt Unsicherheit gern, doch ich sehe, wie sein Adamsapfel hüpft. Beide zucken wir zusammen, als ein zweiter und bald darauf ein dritter Schuss zu hören ist. Das Echo hallt nach, als hätte jemand eine ganze Salve abgegeben. So wird also der Krieg klingen, denke ich. Vorausgesetzt, Vater behält recht.
Über mehrere Minuten passiert nichts.
»Wo bleibt er?« Meine Stimme zittert. »Wo bleibt Vater?« Torben antwortet nicht, und mich überkommt das Gefühl, es gäbe dazu nichts zu sagen. Und so warten wir.
Die Dämmerung ist längst hereingebrochen, als endlich ein Rufen zu vernehmen ist.
»Das ist Heide!« Ich springe auf, entriegle den Stall und renne über den Hof, bis ich unsere liebste Dienstmagd am rückwärtigen Haus vorfinde. Torben erscheint nur Sekunden später.
Heide hält sich die verletzte Stelle am Kopf, torkelt ein wenig, öffnet jedoch ihre Arme weit und zieht uns Kinder an ihre Brust. »Dem Himmel sei Dank, euch ist nichts geschehen.« Sie weint.
Dankbar schlinge ich meine Arme um sie und drücke den Kopf in ihre Halsmulde. Das Inhalieren ihres vertrauten Dufts nach Majoran, Petersilie und einem Hauch Seifenlauge vermag mir das vage Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Heide ist so etwas wie ein Urgestein des Hauses, zumindest in meiner Zeitrechnung. Als gestandene Frau hatte sie sich Hals über Kopf in einen Förster verliebt, der im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Dänemark sein Revier hegte. Hätten die beiden sich mit dem Kennenlernen etwas mehr Zeit gelassen, hätte Heide rechtzeitig bemerkt, dass ihr Verlobter ein gewalttätiger Tunichtgut war, der einen Großteil seines Lebens mit dem Saufen verbrachte. Doch Heide wurde schnell schwanger, und ihre Familie drängte sie, den Mann zu heiraten, damit ihr Ansehen nicht leiden musste. Das Kind verlor sie nur wenige Wochen nach der überstürzten Hochzeit, als ihr Mann sie im Suff einer Nichtigkeit wegen beschuldigte und verprügelte. Danach flüchtete sie und schlug sich mal hier, mal dort mit Hilfsarbeiten durch. Zurück zu ihrer Familie nach Deutschland wollte sie nicht. Sie war fast fünfzig, als sie eines Tages im Nachbardorf meine Mutter ansprach und fragte, ob diese Hilfe gebrauchen könnte. Mama, derzeit hochschwanger mit mir, empfand Heides liebevolle Art sofort als Geschenk des Himmels und freundete sich mit der Deutschen an. Seitdem war Heide nicht mehr vom Willems’schen Hof wegzudenken. Sie ging allem und jedem zur Hand, half Mutter beim Kochen und mit der Wäsche, erledigte Arbeiten auf dem Hof und auf dem Feld gleichermaßen und wurde zu einer festen und fürsorglichen Instanz für Torben und mich.
»Sie hat dich noch vor Papa in ihren Armen gewiegt, als du gerade zur Welt gekommen warst!«, schwärmte Mama mir regelmäßig an meinen Geburtstagen vor, wenn Heide mich küsste und an sich drückte.
»Aber ...«, holt mich Torbens erstickte Stimme aus meiner Erinnerung zurück, »ist das etwa ...?« Über Heides Schulter hinweg entdecke ich Johann, unseren Stallgehilfen. Er liegt im Schnee, sein blutiges Gesicht mir zugewandt. Aus leblosen Augen starrt er mich an. Ich entziehe mich Heides Umarmung und mache ein paar Schritte auf den Leichnam zu. Der arme alte Johann. Ich habe ihn mein ganzes Leben lang gekannt.
»Die Ponys werden ihn schrecklich vermissen«, flüstere ich und gehe in die Hocke.
»Was redest du da?« Torben, der neben mir steht und seine Mütze abgenommen hat, blitzt mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an.
»Ich meinte d…doch nur ...«, stottere ich, verbiete mir aber jedes weitere Wort. Es hätte genauso dumm und fehl am Platz geklungen wie meine letzte Aussage. Torben feuert seine Mütze auf den Boden und tritt einen Haufen Schnee an die Hauswand. Dann entfernt er sich leise fluchend und bleibt an der Ecke unseres Wohnhauses stehen, lehnt kraftlos am Mauerwerk.
Ich schenke Johann ein letztes Lächeln und streiche ihm behutsam ein paar blutverklebte Strähnen seines grauen Wuschelschopfs aus der Stirn.
»Weiter hinten liegt Annegret. Sie haben sie anscheinend mit einem Stück Brennholz niedergeschlagen. Ihr Gesicht ...« Heides Stimme bricht. Ich stehe auf, wanke auf Heide zu, und jeder meiner Atemzüge fühlt sich an wie durch einen zu engen Schlauch geschickt.
»Aber warum?« Ungerechtigkeit und Brutalität hatten hier noch nie Platz.
Als Vater vor einigen Wochen immer öfter davon gesprochen hatte, dass schlimme Zeiten anstehen würden, tat ich das ab. Mutter pflegte zu sagen, dass ich mich bemühen sollte, die Welt und alles, was darin geschah, mit Zuversicht zu betrachten und in jedem, der mir begegnete, zuerst das Gute zu sehen.
In einer Welt ohne Gräueltaten ist das nicht schwer, doch hier und jetzt komme ich mir reichlich dämlich vor, ihre Worte jemals für bare Münze genommen zu haben.
»Versteckt euch! Los!« Torben rennt auf uns zu und gestikuliert wild in Richtung der Holzfässer, die neben Mutters Gemüsegärtchen aufgestellt sind. Geistesgegenwärtig reagieren wir sofort und kauern uns hinter die Behältnisse, in denen sich literweise gefrorenes Regenwasser befindet. Ich entsinne mich, dass Vater Torben aufgetragen hat, sie vor dem Winter zu leeren. Doch der hat es vergessen und vorgezogen, mit mir nach neuen Abenteuern im Wald zu suchen. Ich seufze, wage einen Blick an den Tonnen vorbei und erkenne einen der Soldaten, wie er aus dem Dickicht der Jungbuchen schleicht. Geduckt, sich immer wieder umschauend. Er beschleunigt seine Schritte und läuft auf die Front des Hauses zu, die sich außerhalb unseres Blickfelds befindet.
»Dieses Schwein!«, entfährt es Heide. »Der hat mich niedergestreckt, als ich ins Haus stürmen wollte, wo der andere ...« Sie schlägt die Augen nieder.
Die Bilder meiner gedemütigten Mutter auf dem Küchentisch tauchen vor meinem inneren Auge auf und versetzen mich erneut in tiefe Angst. Ich kann mir vorstellen, wie sie den Männern die Tür geöffnet hat. Nichts ahnend. Gutgläubig. Hilfsbereit. Ob sie sie gleich da überfallen haben? Und haben diese Kerle gewusst, dass Vater und Torben im Nachbarort Besorgungen machten und die anderen auf dem Hof kein Hindernis darstellen würden?
»Was wollten sie?«
Heide sieht mich an und schüttelt den Kopf. »Vielleicht Geld oder einen Unterschlupf. Vielleicht nur Zerstreuung. Oder von allem etwas.«
»Da ist er wieder!« Torben zeigt aufgeregt auf den Soldaten, der über den Vorplatz stolpert. Kurz bleibt er stehen, dreht sich um und begutachtet scheinbar etwas. Dann nickt er und setzt seine Flucht zurück in den Wald fort. Ich bemerke ein Laken, das er sich, zum Sack gebunden, über die Schulter geworfen hat. Allem Anschein nach prall gefüllt. Ich mag mir nicht ausmalen, was er aus unserem Haus an sich genommen, welche Habseligkeiten er gestohlen hat.
»Der kommt nicht mehr wieder!«, stellt Torben nüchtern fest und kriecht aus dem Versteck hervor. Seine Fassungslosigkeit hat sich in Luft aufgelöst. Selbst als er noch einen Blick auf Johann wirft, verzieht er keine Miene. Manchmal beneide ich ihn um seine Fähigkeit, Dinge hinzunehmen, die nicht mehr zu ändern sind. Kraft zu verschwenden, wo nichts zu erreichen ist, lag ihm immer schon fern.
Ein paar Minuten erlauben wir uns, jeder für sich, zu Atem zu kommen, uns zu sammeln. Bis wir mit einem Mal einen rötlichen Schein, tanzend und flackernd, durch die Fenster des Hauses wahrnehmen.
»Da hol mich doch der Teufel!«, entrüstet Heide sich und starrt mit weit aufgerissenen Augen ins Haus hinein. »Lichterloh!« Sie wendet sich ab, ihr Blick trifft Torbens.
»Die Kutsche!«, ruft dieser, hustet und hält sich den Mantelärmel vor den Mund. »Wir müssen weg hier!« Heide läuft voran zum vorderen Teil des Hauses und beruhigt die nervösen Pferde. Irritiert schaue ich mich um. Das kann doch alles nicht wahr sein! In Scheune und Stallungen züngeln die Flammen schon hoch über den Dächern. Merve und Gretchen flüchten wiehernd durch die offen stehende Tür in den Wald. Mir fällt der Unterstand hinter dem Haus ein, wo die Zugpferde fürs Feld stehen. »Die anderen Pferde. Die Hühner. Wir müssen ...«
»Vergiss sie! Da hinten steht bereits alles in Flammen, Trine. Sie sind verloren!« Torben hilft Heide auf den Kutschersitz und gibt ihr die Zügel in die Hand. »Jetzt komm! Hier ist nichts mehr zu retten!« Er winkt mich mit beiden Armen zu sich, die Umgebung hektisch nach weiteren Gefahrenquellen absuchend. Meine Füße haben sich mit dem Untergrund verwurzelt. Weg von hier? In meinem Kopf dröhnen Torbens Worte, hallen nach, doch verstehen kann ich sie nicht. Mein Blick wandert zwischen der Kutsche und meinem geliebten Heim hin und her. Ohne weiter nachzudenken, löse ich mich aus meiner Erstarrung und renne ins Haus.
Unsägliche Hitze schlägt mir entgegen, der Schnee im Eingangsbereich ist längst geschmolzen.
Von draußen höre ich Heide meinen Namen schreien. Ihr Entsetzen bohrt sich wie ein Splitter in meinen Rücken, doch nichts hält mich zurück. Ich erreiche den Treppenaufgang, weiter komme ich nicht. Das Feuer wütet schon in Küche und Stube. Mein Blick fällt auf die schmale Dielenkommode und die Buntglasvase, die Vater im letzten Jahr Mutter geschenkt hat. Das gute Stück bekam einen Ehrenplatz. Regelmäßig befüllte Mutter die Vase mit frischen oder getrockneten Blumen, freute sich über jeden, der ein bewunderndes Wort für das Präsent übrighatte, und streichelte dann stolz über das fein geschliffene Glas. Jetzt ist die Vase zerbrochen. Ich versuche, mich zu erinnern, ob sie bei dem Kampf vorhin ... War es meine Schuld? Einige Scherben liegen auf dem Möbelstück, der Großteil auf den Fliesen. Ich spähe durch den nach draußen wabernden Rauch auf den Hof hinaus. Die Pferde wiehern und schnauben in Panik.
»Willst du hier verrecken?« Torben erscheint durch den dichten Dunst, hustet und zerrt am Ärmel meines Mantels.
Ich kneife die Augen, zähle den Herzschlag, den ich mühelos im gesamten Körper wahrnehmen kann. Nein, ich will hier nicht sterben! Also greife ich nach einer der größeren Vasenscherben, schaue mich ein letztes Mal um und folge meinem Bruder hinaus und auf die wartende Kutsche.

Entdecke Kolibriherz, den historischen Roman über eine junge Frau, die zwischen Vergebung und Rache ihre eigene Stimme findet.

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„Kolibriherz" ist als Taschenbuch und eBook bei Thalia erhältlich – wähle dein bevorzugtes Format.

Historische Spannung

Eine mitreißende Geschichte aus dem viktorianischen London

Taschenbuch
15,99 €
eBook
5,99 €

PS:

Wenn du historische Romane über starke Frauen und bewegende Schicksale liebst, könnten Dich auch meine Bücher „Stürmische Hoffnung“ oder „Im Schatten der Rosen“ interessieren.

Christel Netuschil Autorin
Christel Netuschil Mehr von der Autorin
Die Autorin

Über Christel Netuschil

Christel Netuschil, Jahrgang 1978, ist ausgebildete Krankenschwester und lebt mit ihrer Familie am Niederrhein.

Schon als Kind hat sie mit dem Schreiben von Kurzgeschichten begonnen und später Erwachsene wie Kinder dabei begleitet, Worte für das zu finden, was oft schwer auszusprechen ist: Gedanken, Wünsche, Ängste und innere Bilder.

Schreiben bedeutet für sie, Erfahrungen einen Raum zu geben, sie erlebbar zu machen. Dabei ist es ihr sehr wichtig, den Schleier des Offensichtlichen zu lüften und jene Umstände miteinzubeziehen, die ein Leben prägen.

Nach ersten Veröffentlichungen von Kurzgeschichten und Erzählungen widmet sie sich seit 2021 dem Schreiben von historischen Romanen und Familiendramen über starke Frauen, Loyalität und die Entscheidungen, die ein Leben verändern.

„ Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Sie entstehen aus allem, was mich berührt, und sie aufschreiben zu können, ist für mich eine Art Lebenselixier."

— Christel
Langjährige Autorin Historische Romane Niederrhein