Taschenbuch
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Ein bewegendes historisches Familiendrama um Loyalität, Schuld und die Frage, wie weit ein Mensch geht, wenn ihm alles genommen wurde.
Dänemark im Winter 1864, kurz vor Ausbruch des deutsch-dänischen Krieges: Die junge Katrine und ihr Bruder Torben werden den schützenden Armen ihrer Eltern entrissen und ihrer Heimat beraubt. Zusammen mit der Dienstmagd Heide fliehen sie nach England.
Der Versuch, sich dort gemeinsam ein Leben aufzubauen, scheitert an den widrigen Umständen, die die industrielle Revolution mit sich bringt und gipfelt in einer Katastrophe. Torben wird beim Diebstahl von Lebensmitteln ergriffen. Der zuständige Friedensrichter verhindert eine faire Verhandlung, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Sieben Jahre später, Katrine ist längst weitergezogen und hat ihren Platz im Leben gefunden, werden die Geister der Vergangenheit geweckt und die junge Frau steht vor einer Entscheidung, die ihre Zukunft maßgeblich verändern wird.
Ein Auszug aus dem ersten Kapitel – lass dich hineinziehen in die Welt von Kolibriherz.
Als ich die Äste der jungen Buchen beiseiteschiebe und auf den Vorplatz meines Elternhauses trete, fällt
mir
auf, dass die schwere Holzpforte offensteht. In der wärmeren Jahreszeit würde dies nichts Ungewöhnliches
bedeuten, denn Mutter und Vater sind als freundliche Leute bekannt, die von Verschlossenheit – im
tatsächlichen und übertragenen Sinne – nicht viel halten. Doch wir schreiben Ende Januar, der Wind sorgt
für
eine andauernde Gänsehaut, und bis vor einigen Minuten hat es heftig geschneit.
Es ist still. Nicht so, wie man es kennt, wenn die Schneedecke jegliche Geräusche verschluckt.
Vielmehr gespenstisch.
Mein Herz stolpert für einige Schläge. Mein Atem kondensiert stoßweise an der kalten Luft. Hier stimmt
etwas
nicht. Selbst im Winter ist stets jemand auf dem Hof unterwegs und beschäftigt; irgendwo wird immer
gehustet, geflucht, gesungen oder gelacht. Ich konzentriere mich. Keinen Laut möchte ich verpassen,
nichts,
das mich zurückbefördern könnte zur Unbekümmertheit eines dreizehnjährigen Mädchens, das von einem Ausflug
zu den Futterstellen der Rehe heimkehrt und sich auf eine warme Mahlzeit im Kreise seiner Familie freut.
Doch mir ist, als beträte ich eine Welt, in der nichts mehr so sein wird, wie ich es gekannt habe. Eine
Welt, in der es zu existieren gilt. Nicht zu leben.
Ich versuche, die düsteren Gedanken abzuschütteln, der Verwirrung Einhalt zu gebieten, und bleibe mit
einem
Mal stehen. Ein dunkles Etwas vor dem Eingang zum Haus erregt meine Aufmerksamkeit. Ich recke den Kopf ein
Stück aus dem dicken Schal, den ich mehrfach um den Hals geschlungen habe, und versuche, angestrengt zu
erkennen, was sich dort hinten so auffallend vom schneebedeckten Boden absetzt.
Meine Augen weiten sich. Dann renne ich los.
Unsanft lasse ich mich neben Heides reglosem Körper nieder und drehe sie auf den Rücken.
Ich erschrecke beim Anblick des Blutes, welches aus einer Platzwunde oberhalb der Schläfe getropft ist und
bereits einige Zentimeter Schnee eingefärbt hat. Frisches Blut scheint nicht mehr nachzukommen, was mich
ein
wenig beruhigt. Heide wird hoffentlich nicht allzu schwer verletzt sein.
Ich streife meine Handschuhe ab und lege die Finger an ihre kalten Wangen. Heides Augen zucken unter den
Lidern, dann öffnen sie sich einen Spaltbreit. Es dauert einen Moment, bis ihre gehauchten Worte über die
rissigen Lippen in meinem Verstand ankommen.
»Lauf«, flüstert sie, »lauf weg, Trine!« Sie dreht den Kopf in Richtung Eingangspforte, versucht
schwerfällig, auf die Beine zu kommen.
Ich folge ihrem Blick und erkenne einen umge-stürzten Stuhl im Flur.
Heides Finger vergraben sich für einen Moment in meinem Mantel. »Geh nicht hinein!« Sie sackt erneut zu
Boden und in eine Bewusstlosigkeit.
Ich nehme den Schal ab, wickle ihn zu einem unförmigen Kissen und schiebe ihn vorsichtig in Heides Nacken.
Dann stehe ich auf, schlucke den Angstkloß in meinem Rachen herunter und betrete das Haus.
Es ist kalt in der Diele. In den Ecken des Spiegels sind bereits Eisblumen gewachsen, das Schwarz-Weiß der
Bodenfliesen im Eingangsbereich ist nur noch zu erahnen. Immer wieder wehen Schneeflocken ins Innere,
verweben sich zu einer Decke, als wollten sie eine dunkle Wahrheit verhüllen. Die Tür muss schon länger
offen gestanden haben. Ich überlege, ob ich sie schließen soll, entscheide mich dagegen und luge die
Treppe
hinauf, während ich Halt am unteren Ende des Geländers suche. Langsam taste ich mich durch die Diele,
lasse
meine Hand am Putz der Wände entlanggleiten. Die vertraute Struktur, uneben und rau, vermag mir ein Gefühl
von Normalität zu schenken. Ich wende mich nach links und gebe der Tür zur Vorratskammer einen leichten
Schubs. Geräuschlos schwingt sie auf und gibt den Blick frei auf ein Regal voller Einmachgläser, darunter
Säcke mit Kartoffeln, von denen einige zu keimen begonnen haben.
Alles ist wie immer. Kein Grund zur Unruhe.
Ich atme aus und nehme Kurs auf die Wohnstube, als ich ein Geräusch aus der danebenliegenden Küche
vernehme.
Es klingt wie das Rücken von Stühlen: vor und zurück, vor und zurück. Ich verharre einen Moment und
lausche.
Ein Hecheln gesellt sich zum Schleifen und Rücken. In meiner Fantasie setzt sich das Bild von einem wilden
Tier zusammen, vielleicht ein Wolf oder ein Bär, der die Küche nach etwas Essbarem absucht. Ich balle
meine
Hände zu Fäusten. Was immer mich hinter der Küchentür erwarten wird, ich will vorbereitet sein.
Zittrig drücke ich die Klinke herunter, öffne und trete einen Schritt in das Zimmer. Der Anblick, der sich
mir bietet, lässt mich augenblicklich zu Stein werden.
»Wen haben wir denn da?«, dringt eine fremde Stimme an mein Ohr.
Ich erkenne einen Soldaten, der sogleich seine Büchse auf mich richtet und sich mir nähert.
»Trine, lauf!«
Ich starre auf meine Mutter, die bäuchlings auf dem Küchentisch liegt, während ein zweiter Soldat mit
heruntergelassener Hose zwischen ihren gespreizten Beinen steht und ihren Oberkörper gewaltsam
herunterdrückt.
»Walter, schnapp dir die Kleine, die ist grad alt genug.« Der Mann grinst mich schäbig an.
Das Flehen meiner Mutter scheint ihren Peiniger in Ekstase zu versetzen. Der Tisch setzt sich heftig
ruckelnd in Bewegung.
Endlich begreife ich und stolpere rückwärts aus der Küche, drehe mich auf dem Absatz um und flüchte auf
die
Haustür zu. Einen Wimpernschlag lang danke ich dem Geistesblitz von vorhin, sie nicht geschlossen zu
haben,
da werde ich von hinten gepackt und zu Boden gerissen. Der Aufprall ist hart, mir wird schwindelig, und
das
Blut in meinen Ohren rauscht lauter als ein ungestümer Wildbach. Ich versuche aufzustehen, mich an
irgendetwas festzuhalten und bekomme den handgeknüpften Wandteppich neben dem Treppen-aufgang zu fassen.
Gerade als ich die Finger um dessen fransige Umrandung schließen und mich hochziehen will, spüre ich den
Stiefel des Soldaten zwischen meinen Schulterblättern.
»Soll ich dir mal was sagen?«, zischt er, nimmt den Fuß weg und reißt mich zu sich hoch. »Jagen macht mich
an!«
Ich spüre keinen Boden mehr unter mir, zapple und trete nach allem, was sich mir in den Weg stellt. Der
Soldat ächzt, lässt von mir ab und greift sich in den Schritt. Ich nutze meine Chance und spurte ins
Freie.
Gott sei Dank, Vater und Torben sind zurück und springen von der Kutsche.
»Was zum Henker ...?«, höre ich Vaters polternde Stimme und sehe, wie er sich über die noch immer am Boden
liegende Heide beugt. »Trine, was ist hier los?«
Ich zeige zum Hauseingang und stütze mich dankbar auf die Schulter meines Bruders, der herbeigeeilt ist.
»Da
rüber!«, ruft Vater uns beiden zu und verschwindet im Haus. Torben hat seine Hand fest um meine
geschlossen
und zieht mich in die Stallungen am Waldrand. Dort lasse ich mich auf den strohbedeckten Boden fallen,
während Torben die Tür verriegelt.
»Das wird sie nicht aufhalten!«, schluchze ich und vergrabe das Gesicht in den Händen. »Sie werden
kommen!«
Anderthalb Meter hinter uns schnauben Merve und Gretchen, blähen ihre Nüstern auf und entlassen
Dampfwölkchen in die frostige Januarluft.
Torben setzt sich neben mich, legt den Arm um meine Schultern und drückt mich fest an sich. Der Kragen
seines Mantels schmiegt sich an meine Schläfe. Wie eine Katze, die Streicheleinheiten einfordert, presse
ich
mein Gesicht gegen den Stoff. Ich weiß nicht, warum der Druck auf diese Stelle so eine beruhigende, fast
einschläfernde Wirkung auf mich hat. Doch ich genieße es ein paar Sekunden lang, dass sich meine Augen
schließen und mein Atem regelmäßig ein- und ausströmt.
»Geht es wieder?« Torbens Stimme dringt sanft in mein Bewusstsein, und ich gebe ein unwilliges Brummen von
mir.
Kann er mich nicht einfach halten? Bis es vorbei ist?
»Was ist hier geschehen?«
Ich öffne die Augen einen Spaltbreit, blinzle durch einen See aus Tränen und schüttle den Kopf: »Soldaten
...«
Torben legt Daumen und Zeigefinger unter mein Kinn und drückt es liebevoll nach oben. Der Ausdruck in
seinen
Augen ist klar. Er weint nicht.
Wie schafft er das nur?
»Deserteure?«
Ich zucke mit den Schultern. Woher zum Teufel soll ich das wissen? Der Krieg um Schleswig, der laut Vaters
Erzählungen bevorsteht, hat doch noch gar nicht richtig begonnen.
»Alles wird gut, hörst du?«
Fast bin ich bereit, Torbens Worten Glauben zu schenken, da ertönt lautes Gezeter vom Hof. Wir springen
auf
und spähen durch einen Spalt in der Holzwand. Ich möchte am liebsten schreien. Die Soldaten schleppen
unsere
halb nackte, sich kaum noch wehrende Mutter in Richtung Wald, dicht gefolgt von Vater, der seine Büchse
auf
die beiden Männer richtet.
»Ihr gottverdammten Hurensöhne!«, brüllt er ihnen hinterher.
»Gleich ist es vorbei!«, versichert Torben mit überzeugter Stimme und greift erneut meine Hand. »Gleich
knallt er die beiden ab.«
Ich halte den Atem an. Ja, alles wird wieder in Ordnung kommen. Torben hat immer recht. Ich lächle und ...
Ein Schuss fällt. Ich richte meinen Blick nach draußen, doch der Hof ist menschenleer. Torben sieht mich
an
und schluckt. Er verbirgt Unsicherheit gern, doch ich sehe, wie sein Adamsapfel hüpft. Beide zucken wir
zusammen, als ein zweiter und bald darauf ein dritter Schuss zu hören ist. Das Echo hallt nach, als hätte
jemand eine ganze Salve abgegeben. So wird also der Krieg klingen, denke ich. Vorausgesetzt, Vater behält
recht.
Über mehrere Minuten passiert nichts.
»Wo bleibt er?« Meine Stimme zittert. »Wo bleibt Vater?« Torben antwortet nicht, und mich überkommt das
Gefühl, es gäbe dazu nichts zu sagen. Und so warten wir.
Die Dämmerung ist längst hereingebrochen, als endlich ein Rufen zu vernehmen ist.
»Das ist Heide!« Ich springe auf, entriegle den Stall und renne über den Hof, bis ich unsere liebste
Dienstmagd am rückwärtigen Haus vorfinde. Torben erscheint nur Sekunden später.
Heide hält sich die verletzte Stelle am Kopf, torkelt ein wenig, öffnet jedoch ihre Arme weit und zieht
uns
Kinder an ihre Brust. »Dem Himmel sei Dank, euch ist nichts geschehen.« Sie weint.
Dankbar schlinge ich meine Arme um sie und drücke den Kopf in ihre Halsmulde. Das Inhalieren ihres
vertrauten Dufts nach Majoran, Petersilie und einem Hauch Seifenlauge vermag mir das vage Gefühl von
Sicherheit zu vermitteln. Heide ist so etwas wie ein Urgestein des Hauses, zumindest in meiner
Zeitrechnung.
Als gestandene Frau hatte sie sich Hals über Kopf in einen Förster verliebt, der im Grenzgebiet zwischen
Deutschland und Dänemark sein Revier hegte. Hätten die beiden sich mit dem Kennenlernen etwas mehr Zeit
gelassen, hätte Heide rechtzeitig bemerkt, dass ihr Verlobter ein gewalttätiger Tunichtgut war, der einen
Großteil seines Lebens mit dem Saufen verbrachte. Doch Heide wurde schnell schwanger, und ihre Familie
drängte sie, den Mann zu heiraten, damit ihr Ansehen nicht leiden musste. Das Kind verlor sie nur wenige
Wochen nach der überstürzten Hochzeit, als ihr Mann sie im Suff einer Nichtigkeit wegen beschuldigte und
verprügelte. Danach flüchtete sie und schlug sich mal hier, mal dort mit Hilfsarbeiten durch. Zurück zu
ihrer Familie nach Deutschland wollte sie nicht. Sie war fast fünfzig, als sie eines Tages im Nachbardorf
meine Mutter ansprach und fragte, ob diese Hilfe gebrauchen könnte. Mama, derzeit hochschwanger mit mir,
empfand Heides liebevolle Art sofort als Geschenk des Himmels und freundete sich mit der Deutschen an.
Seitdem war Heide nicht mehr vom Willems’schen Hof wegzudenken. Sie ging allem und jedem zur Hand, half
Mutter beim Kochen und mit der Wäsche, erledigte Arbeiten auf dem Hof und auf dem Feld gleichermaßen und
wurde zu einer festen und fürsorglichen Instanz für Torben und mich.
»Sie hat dich noch vor Papa in ihren Armen gewiegt, als du gerade zur Welt gekommen warst!«, schwärmte
Mama
mir regelmäßig an meinen Geburtstagen vor, wenn Heide mich küsste und an sich drückte.
»Aber ...«, holt mich Torbens erstickte Stimme aus meiner Erinnerung zurück, »ist das etwa ...?« Über
Heides
Schulter hinweg entdecke ich Johann, unseren Stallgehilfen. Er liegt im Schnee, sein blutiges Gesicht mir
zugewandt. Aus leblosen Augen starrt er mich an. Ich entziehe mich Heides Umarmung und mache ein paar
Schritte auf den Leichnam zu. Der arme alte Johann. Ich habe ihn mein ganzes Leben lang gekannt.
»Die Ponys werden ihn schrecklich vermissen«, flüstere ich und gehe in die Hocke.
»Was redest du da?« Torben, der neben mir steht und seine Mütze abgenommen hat, blitzt mich mit
zusammengezogenen Augenbrauen an.
»Ich meinte d…doch nur ...«, stottere ich, verbiete mir aber jedes weitere Wort. Es hätte genauso dumm und
fehl am Platz geklungen wie meine letzte Aussage. Torben feuert seine Mütze auf den Boden und tritt einen
Haufen Schnee an die Hauswand. Dann entfernt er sich leise fluchend und bleibt an der Ecke unseres
Wohnhauses stehen, lehnt kraftlos am Mauerwerk.
Ich schenke Johann ein letztes Lächeln und streiche ihm behutsam ein paar blutverklebte Strähnen seines
grauen Wuschelschopfs aus der Stirn.
»Weiter hinten liegt Annegret. Sie haben sie anscheinend mit einem Stück Brennholz niedergeschlagen. Ihr
Gesicht ...« Heides Stimme bricht. Ich stehe auf, wanke auf Heide zu, und jeder meiner Atemzüge fühlt sich
an wie durch einen zu engen Schlauch geschickt.
»Aber warum?« Ungerechtigkeit und Brutalität hatten hier noch nie Platz.
Als Vater vor einigen Wochen immer öfter davon gesprochen hatte, dass schlimme Zeiten anstehen würden, tat
ich das ab. Mutter pflegte zu sagen, dass ich mich bemühen sollte, die Welt und alles, was darin geschah,
mit Zuversicht zu betrachten und in jedem, der mir begegnete, zuerst das Gute zu sehen.
In einer Welt ohne Gräueltaten ist das nicht schwer, doch hier und jetzt komme ich mir reichlich dämlich
vor, ihre Worte jemals für bare Münze genommen zu haben.
»Versteckt euch! Los!« Torben rennt auf uns zu und gestikuliert wild in Richtung der Holzfässer, die neben
Mutters Gemüsegärtchen aufgestellt sind. Geistesgegenwärtig reagieren wir sofort und kauern uns hinter die
Behältnisse, in denen sich literweise gefrorenes Regenwasser befindet. Ich entsinne mich, dass Vater
Torben
aufgetragen hat, sie vor dem Winter zu leeren. Doch der hat es vergessen und vorgezogen, mit mir nach
neuen
Abenteuern im Wald zu suchen. Ich seufze, wage einen Blick an den Tonnen vorbei und erkenne einen der
Soldaten, wie er aus dem Dickicht der Jungbuchen schleicht. Geduckt, sich immer wieder umschauend. Er
beschleunigt seine Schritte und läuft auf die Front des Hauses zu, die sich außerhalb unseres Blickfelds
befindet.
»Dieses Schwein!«, entfährt es Heide. »Der hat mich niedergestreckt, als ich ins Haus stürmen wollte, wo
der
andere ...« Sie schlägt die Augen nieder.
Die Bilder meiner gedemütigten Mutter auf dem Küchentisch tauchen vor meinem inneren Auge auf und
versetzen
mich erneut in tiefe Angst. Ich kann mir vorstellen, wie sie den Männern die Tür geöffnet hat. Nichts
ahnend. Gutgläubig. Hilfsbereit. Ob sie sie gleich da überfallen haben? Und haben diese Kerle gewusst,
dass
Vater und Torben im Nachbarort Besorgungen machten und die anderen auf dem Hof kein Hindernis darstellen
würden?
»Was wollten sie?«
Heide sieht mich an und schüttelt den Kopf. »Vielleicht Geld oder einen Unterschlupf. Vielleicht nur
Zerstreuung. Oder von allem etwas.«
»Da ist er wieder!« Torben zeigt aufgeregt auf den Soldaten, der über den Vorplatz stolpert. Kurz bleibt
er
stehen, dreht sich um und begutachtet scheinbar etwas. Dann nickt er und setzt seine Flucht zurück in den
Wald fort. Ich bemerke ein Laken, das er sich, zum Sack gebunden, über die Schulter geworfen hat. Allem
Anschein nach prall gefüllt. Ich mag mir nicht ausmalen, was er aus unserem Haus an sich genommen, welche
Habseligkeiten er gestohlen hat.
»Der kommt nicht mehr wieder!«, stellt Torben nüchtern fest und kriecht aus dem Versteck hervor. Seine
Fassungslosigkeit hat sich in Luft aufgelöst. Selbst als er noch einen Blick auf Johann wirft, verzieht er
keine Miene. Manchmal beneide ich ihn um seine Fähigkeit, Dinge hinzunehmen, die nicht mehr zu ändern
sind.
Kraft zu verschwenden, wo nichts zu erreichen ist, lag ihm immer schon fern.
Ein paar Minuten erlauben wir uns, jeder für sich, zu Atem zu kommen, uns zu sammeln. Bis wir mit einem
Mal
einen rötlichen Schein, tanzend und flackernd, durch die Fenster des Hauses wahrnehmen.
»Da hol mich doch der Teufel!«, entrüstet Heide sich und starrt mit weit aufgerissenen Augen ins Haus
hinein. »Lichterloh!« Sie wendet sich ab, ihr Blick trifft Torbens.
»Die Kutsche!«, ruft dieser, hustet und hält sich den Mantelärmel vor den Mund. »Wir müssen weg hier!«
Heide läuft voran zum vorderen Teil des Hauses und beruhigt die nervösen Pferde. Irritiert schaue ich mich
um. Das kann doch alles nicht wahr sein! In Scheune und Stallungen züngeln die Flammen schon hoch über den
Dächern. Merve und Gretchen flüchten wiehernd durch die offen stehende Tür in den Wald. Mir fällt der
Unterstand hinter dem Haus ein, wo die Zugpferde fürs Feld stehen. »Die anderen Pferde. Die Hühner. Wir
müssen ...«
»Vergiss sie! Da hinten steht bereits alles in Flammen, Trine. Sie sind verloren!« Torben hilft Heide auf
den Kutschersitz und gibt ihr die Zügel in die Hand. »Jetzt komm! Hier ist nichts mehr zu retten!« Er
winkt
mich mit beiden Armen zu sich, die Umgebung hektisch nach weiteren Gefahrenquellen absuchend.
Meine Füße haben sich mit dem Untergrund verwurzelt. Weg von hier? In meinem Kopf dröhnen Torbens Worte,
hallen nach, doch verstehen kann ich sie nicht. Mein Blick wandert zwischen der Kutsche und meinem
geliebten
Heim hin und her. Ohne weiter nachzudenken, löse ich mich aus meiner Erstarrung und renne ins Haus.
Unsägliche Hitze schlägt mir entgegen, der Schnee im Eingangsbereich ist längst geschmolzen.
Von draußen höre ich Heide meinen Namen schreien. Ihr Entsetzen bohrt sich wie ein Splitter in meinen
Rücken, doch nichts hält mich zurück. Ich erreiche den Treppenaufgang, weiter komme ich nicht. Das Feuer
wütet schon in Küche und Stube. Mein Blick fällt auf die schmale Dielenkommode und die Buntglasvase, die
Vater im letzten Jahr Mutter geschenkt hat. Das gute Stück bekam einen Ehrenplatz. Regelmäßig befüllte
Mutter die Vase mit frischen oder getrockneten Blumen, freute sich über jeden, der ein bewunderndes Wort
für
das Präsent übrighatte, und streichelte dann stolz über das fein geschliffene Glas. Jetzt ist die Vase
zerbrochen. Ich versuche, mich zu erinnern, ob sie bei dem Kampf vorhin ... War es meine Schuld? Einige
Scherben liegen auf dem Möbelstück, der Großteil auf den Fliesen. Ich spähe durch den nach draußen
wabernden
Rauch auf den Hof hinaus. Die Pferde wiehern und schnauben in Panik.
»Willst du hier verrecken?« Torben erscheint durch den dichten Dunst, hustet und zerrt am Ärmel meines
Mantels.
Ich kneife die Augen, zähle den Herzschlag, den ich mühelos im gesamten Körper wahrnehmen kann. Nein, ich
will hier nicht sterben! Also greife ich nach einer der größeren Vasenscherben, schaue mich ein letztes
Mal
um und folge meinem Bruder hinaus und auf die wartende Kutsche.
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